MANA BINZ – KUNST BEWEGT
Städtische Galerie, Altes Rathaus, Wittlich
23.10.2024 – 02.02.2025
Rede von Dr. Richard Hüttel anlässlich der Finissage der Ausstellung von Mana Binz am 2. Februar 2025
„Kunst bewegt“ heißt die Ausstellung von Mana Binz. Kunst bewegte uns in den letzten Monaten, vom 13. Oktober 2024 bis heute, dem letzten Tag der Ausstellung. Ich hatte zur Eröffnung gesagt, dass es wohl Manas „Weltneugier“ sein müsse, dass sie ständig in Bewegung sei, aber auch ihre Umwelt in Bewegung setze. Sie schafft eine Kunst ohne festgelegte Grenzen und Ufer; gewohnte Zusammenhänge, konventionelle Bildwelten werden außer Kraft gesetzt. Auf leerer Leinwand kräuseln sich monochrome Tuche zu einer Serie „Am Anfang war das Nichts“. Farbige Protuberanzen erhellen unseren oft grauen Alltag mit mobilen Fresken, Lichtdecken schaffen eine fröhliche Atmosphäre im Eingangsbereich einer Grundschule -- und und und …
Mein Leitmotiv ist einfach, so schreibt sie im Sinne von Herrmann Hesse: „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden. Deshalb wage ich für die Kunst das scheinbar Unmögliche, denn alles andere ist schon da“, so ihr Leitmotiv. Sie begibt sich damit auf einen Pfad, auf den sich immer schon ungewöhnliche Künstler begeben haben: Giuseppe Arcimboldo zum Beispiel machte aus Küchengeräten, aus Pfannen, Kochtöpfen und Rührlöffeln eine menschliche Gestalt. Pablo Picasso nahm einen Rennrad-Sattel und ein Lenkrad und formte damit einen Stierkopf. Jean Tinguely schweißte aus Metallschrott einen beweglichen, quietschenden, lustigen Brunnen. Diese Verwandlungen setzen die scheinbar starren Dinge in Bewegung so wie auch Manas textile Strukturen oder ihre Koffer, Arcimboldos Kochlöffel oder Pfannen, Picassos Sattel oder Lenkrad. Es entstehen neue Verbindungen. Das begrenzte Ding wird zum Objekt neuer Erfindungen. Unsere Wahrnehmung wird herausgefordert, wir entdecken, dass sogar einfache Formen viele Ansichten bieten zu können.
...Der arme Teufel Woyzeck in Büchners gleichnamigen Drama sagt zu dem ignoranten Arzt, der ihn peinigt: „Haben Sie schon die Ringe von den Schwämmchen auf dem Boden gesehen, lange Linien, krumme Kreise, Figuren - da steckts - da! Wer das lesen könnte.“ Woyzeck wusste, dass Formen vielseitig sind, die Vieldeutigkeit aber blieb dem Akademiker verborgen. Kreative Menschen haben immer wie Woyzeck gesehen: Do auch Leonardo, der in einem alten Gemäuer Ähnlichkeiten mit „Landschaften, die mit Bergen geschmückt sind“, erkannte. Der große Spötter des 18. Jahrhunderts, Georg Christoph Lichtenberg, war ein Genie des verwandelnden Denkens: Kirchtürme zum Beispiel waren für ihn „umgekehrte Trichter, in denen das Gebet in den Himmel“ geleitet wurde. Goethe hatte schon recht, als er meinte, „Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten Wünschelrute bedienen: wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen.“
Eines ihrer ersten Kunstwerke schuf Mana 1965, da war sie gerade 16 Jahre alt - aber da bediente sie sich schon der wunderbaren Wünschelruten: Das Werk, eine Collage, heißt „Weltwasserpumpe“, was ihren hintergründigen Witz schon ahnen ließ: Das technische Gerät funktioniert nicht, all die Rohre, die Mana in imponierender Zahl aufmarschieren lässt, all die Steckverbindungen haben keinen Anschluss. Die „Weltwasserpumpe“ bleibt dysfunktional, eine Metapher der blockierten Technik. Man könnte von einer verkehrten Welt sprechen, von der Fragwürdigkeit der Apparaturen, Skepsis gegen das nur Funktionale.
Später geriet Mana in den Einflussbereich von Fluxus, der Neo-Dada-Bewegung von Daniel Spoerri und anderen: Der „Ausstieg aus dem Bild“ sollte damals die Phantasie freisetzen. Bei all den Veränderungen, die sie wie all unsere Generationsgenossen erlebt haben, ist Mana einer Maxime treu geblieben: „Die Phantasie an die Macht“, dieses Schlagwort, ist so etwas wie der rote Faden in ihrem Leben geblieben. Die Phantasie, die in keiner anderen Profession so wichtig ist wie dem Künstler, dient der Schönheit; Phantasie, Kunst, Schönheit sind Lebenselixiere von Mana Binz. Aber wozu diese Lebenselexiere, wozu Phantasie, wozu Schönheit? Ich glaube, Mana könnte diese Frage mit Matisse beantworten, der 1908 in den „Notizen eines Malers“ schrieb: „Mein Traum ist eine Kunst voll Gleichgewicht (…,) ein geistiges Beruhigungsmittel, etwas Ähnliches wie ein guter Lehnstuhl, der (uns) von (der) physischen Ermattung Erholung gewährt.“ Gewinnen wir von Mana‘s Kunst nicht ein „Gleichgewicht“? Ist sie nicht ein „geistiges Beruhigungsmittel“? Gewährt sie uns nicht „Erholung“ nach geistiger „Ermattung“? Verwandelt sie unsere Welt nicht mit etwas, was Wilhelm Busch unnachahmlich so dichtete:
„Wer hat die Reihe deiner Väter
seit tausend Jahren oder später
so meisterlich ins „Bild“ (Oel) gesetzt?
Der Farbenkünstler! Und mit Grund!
Er macht uns die Welt so bunt.“
(aus: Der Künstler)