Rituelles Essen, 2010
Leben im Fluss – Ein rituelles Essen
mit der Künstlerin Mana Binz
Riten und Rituale sind die Wurzeln der Kunst. Auf diese Ursprünge der Kunst verweist das Werk von Mana Binz. „Ein Teller ist ein Teller. Er kann benutzt werden, um etwas hinein zu legen. Doch ist er immer nur ein Gebrauchsgegenstand? Kann ein Teller in der rituellen Installation eines Essens zum Kunstwerk werden?“
Diese Fragen stellt Mana Binz den Teilnehmern. Zugleich thematisiert die Künstlerin den fließenden Übergang von Kunst und Design in über tausend für das rituelle Essen von ihr konzipierten und in den Glasöfen selbst hergestellten Gefäßformen.
Sie setzt damit die Eat Art Kunst fort, die sie zwischen 1970 – 1972 durch die Begegnung mit Daniel Spoerri kennengelernt hatte. Wasser ist für Mana Binz seit ihrem Frühwerk WELTWASSERPUMPE, 1965, Urkraft und Quelle des Lebens.
„Wasser wird genutzt bei Reinigungsritualen, bei der Taufe, bei Segnungs- und Weihehandlungen. Christus selbst wusch vor dem Letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße. Seit Jahrtausenden ist das Essen zu spirituellen Anlässen mit Ritualen verbunden. Es hebt sich dann ab von der reinen Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme. Esskultur steht im Kontext von Wertigkeit und Bewusstsein. Zum Lebenserhalt isst und trinkt der Mensch. Doch durch die Alltäglichkeit des Bedürfnisses wird Essen und Trinken zunehmend weniger zelebriert.“
Das erste rituelle Essen der Künstlerin Mana Binz hat am 08. Mai 2010, im Raum der Stille, dem Raum für rituelle Anlässe im Paulushof in Lieser an der Mosel in einer aufwendigen Inszenierung stattgefunden. Es wurde danach noch einmal wiederholt.
Der Tisch wird zum Fluss – Bei den rituellen Essen wird das Essen zelebriert mit von Mana Binz hierfür eigens entworfenen und von ihr selbst hergestellten Gedecken aus Glas, mit Motiven von Fischen, von Wasser, von Wasserzeichen und -wirbeln.
„Glas steht für Transparenz und für die Fragilität des Lebens. Im Mittelpunkt der Ess-Zeremonie steht die Bedeutung des Wassers, worauf die großen auf dem Tisch platzierten Wasserschalen hinweisen. Die rituelle Waschung der Hände vor und während des Essens ist Teil des Ess-Rituals und schafft kulturelle Gemeinschaft für diesen Anlass. Das Ess-Ritual findet statt nahe am Wasser, nahe am Fluss, dem Lebensraum der Fische. Fluss und Fische spielen in der für diesen Ritus geschaffenen kunstvollen Gefäßformen eine besondere Rolle. Christliche Symbole paaren sich mit der uralten Metapher: Dem Strom der Zeit.“
Lebendige Installation - Sand, Feuer, Luft und Wasser werden im Glas lebendig. Bildhafte Symbole, Essen und Trinken, die Ursprache von Brot, Wasser und Wein emotionalisieren und verdeutlichen Elementares: Wert des Lebens und menschliches Leben im Fluss der Zeit. Die Kunst von Mana Binz verweist auf Grundelemente menschlichen Daseins und macht sie durch ritualisierte Esskultur wieder erfahrbar.
Wie verläuft so ein RITUELLES ESSEN?
Das verrät Mana Binz hier:
„Philosophie und Ablauf. Das rituelle Essen – Leben im Fluss ist eine Kombination der Essenskultur Mitteleuropas à la française, die sich im 18. Jahrhundert im Adel in Europa mit fester Dinnerfolge entwickelte und der Essenskultur à la russe, wonach die einzelnen Gänge portioniert auf Tellern serviert werden.
Wasser, Wein und Brot sind ein Zitat des Letzten Abendmahls. Die Speisefolge der klassischen drei Gänge (Vorspeise, Hauptgericht, Dessert) ist christlichen Ursprungs und erinnert an die Dreifaltigkeit. Dieses Prinzip findet sich auch auf dem Teller wieder, wenn z.B. Fleisch mit zwei Beilagen serviert wird.
In der klassischen Speisefolge isst man sich durch die Schöpfungsgeschichte Wasser - Suppe - Fische, Grünes – Salat - Gemüse, Fliegendes Getier- Vögel - Hühner, Landtiere - Rind – Wild und durch Schöpfungen des Menschen, die er als mit freiem Schöpfungswillen ausgestattetes Wesen selbst kreiert: Käse - Gebäckkreationen - Süßspeisen.
Die Idee zum rituellen Essen kam mir in 2009 bei Reflektionen über Zeit, Leben in der Zeit, Leben im Fluss der Zeit und Leben im Fluss der Erinnerungen. Die Madeleine von Marcel Proust - beim Eintunken der Madeleine in den Tee war mit einem Mal … die Erinnerung da. Über das Duft und Geschmackserlebnis verknüpft sich Gegenwart und Vergangenes zu Bewusstsein."
Daher thematisiert das rituelle Essen von Mana Binz auch den Übergang des Essensrituals im Dreiklang à la française in den Dreiklang à la russe unter Beibehaltung der klassischen Speisefolge eines Menüs, schlägt die Brücke zu anderen Kulturen, integriert Reinigungsrituale und interpretiert in neuen Erinnerungsrezepturen alte Geschmacksmemorate neu.